Dachstein - Krippenstein

Meine Anfang-Oktober-Wanderung in den Alpen hat mich gleich doppelt überrascht – sowohl was das Wetter als auch die Eindrücke betrifft. Beides lässt sich bei einem einzigen Besuch kaum vollständig erfassen: Zurück bleiben Geheimnisse, die der Nebel verborgen hielt, und Sehenswürdigkeiten, für die ich mir beim nächsten Mal mehr Zeit nehmen werde.

Innerhalb weniger Stunden streichelte mich der goldene Herbst, während mir der raue Winter bereits eisig über die Zähne fuhr. Unten spiegelte sich der glatte, stille Hallstätter See unter einer dichten Wolkendecke, oben am Gipfel lagen die ersten Schneeflecken auf den Felsen.

Dieser Ort ist kein anderer als der Dachstein-Krippenstein – ein Platz, an dem die Berge nicht nur die Landschaft, sondern auch das Wetter neu schreiben.

🚗 Anreise

Das Abenteuer beginnt in Obertraun, einem ruhigen, alpinen Dorf am Ufer des Hallstätter Sees, an der Nordseite des Dachsteins gelegen. Schon die Anreise ist ein Erlebnis für sich: kurvenreiche Bergstraßen, kristallklare Bäche und im Hintergrund die immer näher rückenden felsigen Gipfel begleiten die Fahrt – ein Vorgeschmack auf das, was einen in der hochalpinen Welt des Dachstein-Krippenstein erwartet.

Get Directions

Add Waypoint
Route Options
×

Mit dem Auto ist Obertraun bequem von Salzburg oder Linz aus erreichbar. Doch auch mit dem Zug ist die Anreise gut möglich: Wer aus Richtung Budapest oder Wien kommt, steigt in Attnang-Puchheim um und fährt weiter bis zur Station Obertraun-Dachsteinhöhlen.

Von dort gelangt man mit den Bussen in Richtung Hallstatt, Gosaumühle in etwa 10 Minuten zur Talstation der Seilbahn – zu Fuß dauert der Weg rund 30 Minuten. Schon unten im Tal spürt man, dass hier oben etwas ganz Besonderes wartet.

🚡 Die Geschichte der Seilbahnen

Das Seilbahnsystem am Dachstein-Krippenstein ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch eine Zeitreise durch die alpine Erschließungsgeschichte.

Die erste Sektion, die von Obertraun zur Schönbergalm führt, wurde bereits 1951 errichtet. Sie war die ursprüngliche Bahn, die vor allem Höhlenforschern und Naturfreunden den Zugang erleichtern sollte. Schon damals war die Region für ihre spektakulären Naturwunder wie die Eishöhle und die Mammut-Höhle bekannt – doch deren Erreichbarkeit war beschwerlich. Mit dem Bau der Seilbahn konnten nun auch Familien und ältere Besucher diese besonderen Orte entdecken.

Die zweite Sektion, von der Schönbergalm hinauf zum Krippenstein-Gipfel, wurde 1956 eröffnet. Sie erschloss die hochgelegenen Aussichtspunkte und ermöglichte erstmals den Zugang zum Dachstein-Plateau für ein breiteres Publikum.

Die dritte Sektion, die vom Krippenstein hinunter zur Gjaidalm führt, wurde 1961 gebaut. Interessanterweise diente dieser Abschnitt ursprünglich militärischen Zwecken: In der Nähe befand sich ein Ausbildungslager, das über eine Materialseilbahn versorgt wurde. Später wurde auch dieser Teil für den Tourismus geöffnet und ist heute ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderer und Skitourengeher.

Im Jahr 2007 wurde das gesamte System umfassend modernisiert: Die Kabinen wurden erneuert, die Technik auf den neuesten Stand gebracht und der Betrieb vereinheitlicht. Die neuen Kabinen sind geräumig, verfügen über Panoramafenster und bieten Platz für bis zu 60 Personen.

Die drei Sektionen bauen aufeinander auf wie Stufen in den Himmel – und jede führt in eine andere Welt.

🚡 Die drei Sektionen der Dachstein-Krippenstein-Seilbahn

Die erste Sektion der Seilbahn bringt uns zur Schönbergalm, wo sich zwei beeindruckende und völlig unterschiedliche „Eingänge“ ins Innere des Berges befinden.

In der Eishöhle wandert man zwischen gefrorenen Wasserfällen und Eisformationen, umgeben von bläulichem Licht und einer fast außerirdischen Stille – ein Erlebnis wie auf einem anderen Planeten.

Ganz anders die Mammut-Höhle: Ihre gewaltigen Hallen und geologischen Strukturen geben Einblick in Erdzeitalter, deren Dimensionen kaum vorstellbar sind.

Die Umgebung ist auch für Familien ideal: kurze Spazierwege, ein Spielplatz und gut begehbare Pfade laden zum Erkunden ein.

Die zweite Sektion führt hinauf zum Krippenstein-Gipfel, wo gleich drei spektakuläre Aussichtspunkte auf Besucher warten – alle mit Blick auf den Hallstätter See und das umliegende Gebirge.

Der berühmteste ist der 5fingers, eine kühne Stahlplattform in Form einer Hand, die sich fünf Finger gleich über einen 500 Meter tiefen Abgrund hinausstreckt. Die Aussicht ist atemberaubend – sofern der Nebel nicht gerade alles verschluckt, wie bei meinem Besuch.

Am 5fingers befindet sich ein „Photopoint“: Eine Kamera, die per Scan des Seilbahntickets ein Foto aufnimmt. Dieses kann später an einem Terminal an der Bergstation angezeigt und für 5 Euro ausgedruckt werden.

Ein weiterer Aussichtspunkt ist der Welterbeblick, dessen Weg vom Pfad zum 5fingers abzweigt. In etwa 15 Minuten erreicht man die Plattform in Schiffsform, von der sich ein großartiger Blick auf den UNESCO-Welterbe Hallstätter See eröffnet.

Das Wetter hier oben ist oft launisch – Nebel und Schneefall sind keine Seltenheit. Im Winter starten von hier aus Skifahrer und Schneeschuhwanderer, denn der Krippenstein gilt als Hotspot für Freerider.

Der Weg zum Dachstein Hai führt über den Heilbronner Rundwanderweg, der an der Gjaidalm endet und in etwa drei Stunden zu bewältigen ist. Nach rund 30 Minuten erreicht man den Dachstein Hai – eine 8 Meter hohe Aussichtsplattform in Form eines Hais.

Im Inneren führt eine Treppe hinauf, und durch das „Maul“ des Hais genießt man einen einzigartigen Rundblick. Die Form erinnert an die Entstehungsgeschichte des Dachsteinmassivs, das aus den Kalkablagerungen urzeitlicher Meereslebewesen entstand – darunter auch versteinerte Haifischfossilien. Der „Dachstein Hai“ symbolisiert diese versunkene Meereswelt – eine Zeitreise für alle Sinne.

Die dritte Sektion führt hinunter zur Gjaidalm, einem alpinen Hochplateau, das eine ganz andere Atmosphäre bietet.

Hier stehen nicht mehr die Aussichtspunkte im Vordergrund, sondern die Nähe zur Natur und ein Netz aus Wanderwegen. Die felsige, karge Landschaft des Dachstein-Plateaus, Latschenkiefern und stille Pfade strahlen eine besondere Ruhe aus.

Von hier starten längere Hochgebirgstouren, etwa in Richtung Hoher Dachstein. Im Winter ist die Gjaidalm ein Paradies für Schneeschuhwanderer und abenteuerlustige Skitourengeher.

Das Seilbahnsystem besteht aus 3 Sektionen:

 

     1️⃣ Obertraun → Schönbergalm (1350 m)

 

📏 Streckenlänge: 1 719 Meter 

⛰️ Höhenunterschied: 741 Meter

🗼 Anzahl der Stützen: 1 db

🚡 Kabinen: 2 Stück, 60 Personen pro Kabine

🚀 Geschwindigkeit: ca. 28 km/h 

⏱️ Fahrzeit: ca. 4 Minuten

🏗️ Baujahr: 1951, Modernisierung: 2007

 

     2️⃣ Schönbergalm → Krippenstein (2 050 m) 

 

📏 Streckenlänge: ca. 2 000 Meter

⛰️ Höhenunterschied: 700 Meter 

🗼 Anzahl der Stützen: 2 Stück 

🚡 Kabinen: 2 Stück, 60 Person pro Kabinen 

🚀 Geschwindigkeit: ca. 28 km/h 

⏱️ Fahrzeit: ca. 5 Minuten 

🏗️ Baujahr: 1960-er Jahre, Modernisierung: 2007

 

     3️⃣ Krippenstein → Gjaidalm  (1791 m)

 

📏 Streckenlänge: ca. 1 000 Meter 

⛰️ Höhenunterschied: 259 Meter 

🗼 Anzahl der Stützen: 3 Stück 

🚡 Kabinen: 2 Stück, kb. 30 Personen pro Kabine 

🚀 Geschwindigkeit: ca. 21 km/h 

⏱️ Fahrzeit: ca. 4 Minuten 

🏗️ Baujahr: 1980-er Jahren

🌦️ Wetterkontraste – Ein Berg in drei Gesichtern

Während meines Besuchs – Anfang Oktober – zeigte mir der Krippenstein gleich drei völlig unterschiedliche Gesichter. Schon an der Talstation wurde ich gewarnt: Die Webcam zeigte dichten Nebel auf dem Gipfel, und man empfahl mir, nur bis zur ersten Sektion zu fahren. Doch meine Neugier war größer – vielleicht würde ich ja Glück haben, so wie einst auf der Gosaualm, wo der Wind die Wolken aufriss und den Blick auf den See freigab. Diesmal blieb das Glück jedoch aus.

Unten in Obertraun herrschte noch früher Herbstzauber: sanfter Sonnenschein, gelb verfärbte Blätter, angenehme Temperaturen – ideales Wanderwetter. Die Luft war frisch, aber mild – man konnte sich kaum vorstellen, dass nur wenige hundert Höhenmeter weiter oben eine ganz andere Welt wartete.

Doch je höher die Seilbahn fuhr, desto mehr veränderte sich die Szenerie. Etwa auf halber Strecke tauchten wir in die Wolken ein, die Sicht wurde schwächer, die Temperaturen sanken spürbar. Nur noch die Silhouetten einzelner Fichten, die Stützpfeiler und die entgegenkommenden Gondeln waren im Nebel zu erkennen. Manchmal öffnete sich ein Fenster nach unten – ein flüchtiger Blick in eine verborgene Welt.

Oben angekommen, erwartete mich ein heftiger Schneefall, begleitet von dichtem Nebel. Die Sichtweite schrumpfte auf wenige Meter, Felsen und Aussichtspunkte verschwanden im weißen Schleier. Der Wind war schneidend, die Temperatur unter dem Gefrierpunkt – der Winter hatte hier bereits das Kommando übernommen.

Trotzdem machte ich mich auf den Weg zum 5fingers, etwa 30 Minuten entfernt. Viel war von den Latschenkiefern nicht zu sehen, doch ich stellte mir vor, wie es wohl im Sommer sein mag – wenn die Sonne brennt und kein Baum Schatten spendet…

Die Fahrt hinunter zur Gjaidalm offenbarte schließlich ein drittes Gesicht des Berges. Die Bahn steigt zunächst leicht an, bevor sie über den Rücken hinweg ins Tal abfällt. Dort empfing mich nasser Schneeregen, der nur gelegentlich fiel, und der Nebel begann sich zu lichten. Der Schnee lag nur noch in Flecken, vor allem auf den Ästen und in schattigen Mulden. Die Luft war kühl, aber nicht unfreundlich – eher wie ein später Herbsttag, an dem der Winter schon anklopft, aber noch nicht ganz Einzug gehalten hat.

Das Wetter in den Alpen ist äußerst wechselhaft, und mit zunehmender Höhe verändert es sich oft rasch und drastisch. Einer der Hauptgründe dafür ist der sogenannte Temperaturgradient: Die Lufttemperatur sinkt im Durchschnitt um 6 bis 6,5 °C pro 1.000 Höhenmeter. Das bedeutet, dass es am Gipfel des Krippensteins bis zu 10–12 °C kälter sein kann als unten im Tal.

Hinzu kommt der Effekt der orographischen Wolkenbildung: Wenn feuchte Luftmassen auf ein Gebirge treffen, werden sie zum Aufsteigen gezwungen. Dabei kühlen sie ab, kondensieren und bilden Wolken oder Niederschlag – was die häufigen Nebel- und Schneefälle in höheren Lagen erklärt.

Im Herbst liegt die Schneefallgrenze oft schon bei 1.800 bis 2.000 Metern, sodass sich der Krippenstein häufig in winterlichem Gewand zeigt, während die Gjaidalm meist nur stellenweise verschneit ist.

Das Plateau besitzt zudem ein eigenes Mikroklima, das durch Windverhältnisse, die felsige Oberfläche und die Topografie beeinflusst wird. Während am Krippenstein-Gipfel plötzliche Kälteeinbrüche, dichter Nebel und Schneefall keine Seltenheit sind, ist die Gjaidalm ein geschützteres Gebiet mit milderem Klima, wo sich der Schnee oft nur in Schattenlagen oder auf Ästen hält und die Sichtverhältnisse meist günstiger sind.

Dieser Kontrast ist nicht nur eine meteorologische Besonderheit, sondern auch auf Erlebnisebene etwas ganz Besonderes: Man hat das Gefühl, an nur einem Tag durch drei völlig verschiedene Welten gereist zu sein.

Zwar konnte ich viele Eindrücke nicht so erleben, wie es bei schönem Wetter möglich gewesen wäre, doch gerade diese außergewöhnliche Erfahrung hätte ich vielleicht nicht gemacht, wenn ich gleich beim ersten Mal alles in seiner vollen Pracht hätte sehen können.

Die rund dreieinhalb Stunden, die ich dort verbracht habe, hätten ohnehin nicht ausgereicht, um alles zu entdecken – und so bleibt mir ein guter Grund, nächstes Jahr bei besserem Wetter zurückzukehren.